ReadingWoman.org / Essays / 2005 / Nr.7: Lesende Maria, Vorbild der Frauen?

Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.705. Juni 2005

Lesende Maria, Vorbild der Frauen?

Maria als Leitbild einer gebildeten und damit unweigerlich emanzipierten Frau, ist das denkbar?

Was wissen wir von der hl. Maria als Lesende und Schreibende, wie sie uns auf den Darstellungen der bildenden Kunst begegnet? Wurde sie zum Vorbild der Frauen?
Die Begegnung mit der lesenden Maria in der bildenden Kunst wirft Fragen nach ihrer vielgestaltigen Rolle in der christlichen Tradition und ihres Einflusses auf gläubige Frauen auf.

Die heilige Familie
Abbildung 1:
Die heilige Familie, ca 1475/80
Martin Schongauer (ca 1435/50 - 1491)

Mit freundlicher Genehmigung von: Kunsthistorisches Museum Wien

Die Heilige Maria

Maria erfährt in der christlichen Kirche vielfältige Bezeichnungen, so auch in der Lauretanischen Litanei, und wird insbesondere von katholischen Gläubigen als Fürbitterin angerufen (Anm.1). Im Neuen Testament erwähnt, gilt Maria als die neue Eva in der langen Tradition grosser Frauengestalten des Alten Testamentes (Sara, Hanna, Debora, Judith und Ester). Maria wird als Tochter Zion, als Repräsentantin Israels in der Stunde der Erfüllung seiner Hoffnung angesehen. Maria selbst erweist sich als Prophetin, indem sie die neutestamentliche Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung in ihrem Loblied (Magnificat) zusammenfasst. Maria gilt als das große Vorbild und Urbild des christlichen Glaubens. Sie ist Mutter Jesu, Fürsprecherin, Helferin, Mittlerin, Königin des Himmels, Mutter der Barmherzigkeit und Mutter der Kirche. Maria ist die Auserwählte und Begnadete und ohne Erbsünde gezeugt (Anm.2).
Von Maria als gebildete, lesende oder schreibende Frau ist allerdings hier nirgends die Rede.

Maria in der Bibel

Also schauen wir zur Quelle. Was lesen wir über Maria in der Bibel?
Obschon Maria vermutlich die bekannteste Frauengestalt des christlichen Abendlandes war und wohl auch noch ist, finden wir im Text des Neuen Testaments (Anm.3) und trotz der Überfülle an Auslegung und diesbezüglicher Literatur erstaunlich wenig Information über sie. Da lesen wir in einigen Abschnitten in den Evangelien und in der Apostelgeschichte des Lukas von Maria (Apo., 1.14) als Jungfrau, als Ehefrau des Joseph, als Schwangere, als Mutter und als Weib und als "holdselige gebenedeite unter den Weibern" (Lukas,1.28 u.1.42). Aber nur bei Matthäus und Lukas sowie in der Apostelgeschichte wird sie überhaupt namentlich als Maria erwähnt! Markus und Johannes nennen sie nicht mal beim Namen! Da bleibt sie Mutter oder auch nur Weib (Anm.4).
Nun ist hier nicht der Ort, diese Bibelstellen einzeln zu zitieren oder gar neu zu interpretieren (Anm.5). Aber, um herauszufinden, ob Maria lesen und schreiben konnte, oder so ungebildet war, wie in der katholischen Auffassung über sie zu lesen ist (Anm.6), sollten wir doch einen kurzen Blick auf die biblische Darstellung der Maria werfen.
Um es vorweg zu sagen, nirgends zeigt uns die Bibel, daß Maria lesen und schreiben konnte! Dafür gibt es keinen Beleg, auch nicht in der Verkündigungsszene, die uns noch besonders interessieren wird.

Bei Lukas (1.27ff) heißt es bei diesem wohlbekannten Geschehen: "Und der Engel kam zu ihr hin ein und sprach." Kein Wort wird über die Situation mitgeteilt, in der sich Maria in diesem Augenblick befindet. War sie bei der Hausarbeit? War sie am Spinnrad? Oder war sie gar am Lesen im alten Testament? Wir werden es niemals wissen.
Von der Lese-und Schreibfähigkeit Marias erfahren wir also aus der Bibel nichts. Zwar war Zacharias, der Mann Elisabeths, der Verwandten Marias und Mutter Johannes des Täufers, schreibkundig (Lukas,1.63) und offensichtlich ihr Sohn Jesus desgleichen, doch das ist eine andere (Männer) Geschichte.
Thronende Maria mit Kind
Abbildung 2:
Thronende Maria mit Kind
Antonello da Messina (ca 1430 - 1479)
Altar von Cassiano, 65 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: Kunsthistorisches Museum Wien

Nun wird Maria zwar nicht als schreib-und lesekundig in den Evangelien dargestellt, doch wortlos oder gar sprachlos bei der doch völlig unerwarteten und wundersamen Begegnung mit dem Erzengel Gabriel ist sie wahrhaftig nicht. Zwar erschrickt sie - wer würde das nicht beim Erscheinen eines Engels? - und wundert sich (Anm.7), fragt aber sofort kritisch nach, als sie hört, dass sie schwanger werden würde "wie sol das zugehen? sintemal ich von keinem Manne weis." (Lukas,1.34). Demütig und gläubig nimmt sie das ihr auferlegte Schicksal als Auserwählte und Begnadete an und bezeichnet sich als Magd des Herrn (Anm.8). Sie drückt ihre Freude darüber aus und nicht ganz ohne Stolz verkündet sie beim Besuch bei ihrer Verwandten Elisabeth "Siehe, von nu an werden mich selig preisen alle Kinds kind" (Lukas,1.48). Dabei ist Maria sich ihrer ganz besonderen Rolle sofort voll bewußt und lebt sie aus. So zeigt sie später auch in der Begebenheit bei der Hochzeit in Cana in Galilea, daß sie das Geschehen beinflussen will und durch ihren Sohn Jesus auch kann, wiewohl dieser recht ärgerlich sie anfährt " Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine stunde ist noch nicht komen" (Johannes,2.2ff).
Gern wüßten wir mehr über Maria aus der Bibel, aber die Evangelisten sind als Chronisten außer Lukas ja nun wenig mitteilsam.

Madonna in den Erdbeeren
Abbildung 3:
Madonna in den Erdbeeren, um 1425
Meister des Paradiesgärtleins
Mischtechnik auf Fichtenholz, 145,5 x 87 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstmuseum Solothurn

Maria im Protevangelium des Jakobus

So schauen wir in den Apokryphen nach (Anm.9). Dort erfahren wir in der Erzählung des Jakobus etwas mehr über Maria, ihre Eltern und ihre Kindheit. Ihre Eltern, Joachim und Anna bleiben zunächst kinderlos, doch Gott erhört ihr Bitten und Flehen und schickt einen Engel zu Anna ganz ähnlich wie später zu Maria, der zu ihr spricht "Du wirst empfangen und gebären und deine Nachkommenschaft wird in der ganzen Welt genannt werden". Als Dank dafür verspricht Anna " wenn ich gebären werde, sei es ein Knabe oder ein Mädchen, so will ich es dem Herrn, meinem Gott, als Opfergabe darbringen, und es soll ihm Dienste verrichten alle Tage seines Lebens". Es wurde ein Mädchen, das Maria genannt und äußerst behütet wurde. Mit 3 Jahren wurde die kleine Maria in den Tempel gebracht, wo sie "wie eine Taube gehegt wurde und Nahrung aus der Hand eines Engels empfing". Als sie 12 Jahre alt war, beschlossen die Priester, sie einem Witwer zur Frau zu geben. Die Wahl fiel durch das Stabwunder auf Joseph, der sie nach Hause brachte und dann weiter zur Arbeit abreiste.
Die Geschichte berichtet nichts von einem Unterricht der kleinen Maria in ihren Jahren im Tempel, aber es steht zu vermuten an, dass sie dort im Dienste mancherlei lernte. Denn die Geschichte geht weiter, und es wird erzählt, daß Maria neben anderen Jungfrauen an einem neuen Tempelvorhang mit "echtem Purpur und Scharlach" zu Hause arbeitete. Dann folgt die Verkündigungsszene. Maria kommt vom Wasserholen draußen, geht ins Haus, stellt den Wasserkrug ab, setzt sich auf ihren Stuhl und spinnt den Purpur. "Und siehe, ein Engel des Herrn stand (plötzlich) vor ihr und sprach".
Hier nun erfahren wir, daß Maria am Spinnen für den Tempelvorhang war und keinesfalls am Lesen der Heiligen Schrift. Maria "war aber 16 Jahre alt, als (ihr) alle diese geheimnisvollen Dinge geschahen" heißt es weiter. Da klafft nun eine Lücke von 4 Jahren zwischen dem Ende des Tempelaufenthaltes, der Aufnahme in das Haus des Joseph und der Verkündigung. Womit verbrachte Maria ihre Zeit im Haus des abwesenden Joseph?

Maria in der Gofine

Die mir vorliegende Gofine (Anm.10), ein katholisches Erbauungsbuch aus der Jahrhundertwende 19./20.Jh., das fromme Kommentare für Katholiken, die früher - anders als die Protestanten - nicht die Bibel selbst lesen sollten, sondern nur die katholisch lektorierten Erbauungsschriften zum Alten und Neuen Testament, zu den apokryphen Texten u.a., führt uns endlich auf eine Spur.
Dort heißt es, daß es damals Sitte war, daß die Eltern ihre Kinder für eine gewisse Zeit in den Dienst Gottes gaben. In dieser Zeit mußten die Kinder göttlichen Geboten gehorchen, wohnten in einem Haus erbaut neben dem Tempel Salomons, und wurden dort "im Gesetz des Herrn und aller Andacht unterrichtet". Weiter wird folgendes berichtet: "Sobald Maria in das geistliche Haus gekommen war, gab man ihr ein schönes Kämmerlein, in welchem sie allein wohnen, beten und schlafen sollte. Man gab ihr auch eine Lehrmeisterin, welche sie in aller Andacht und Gottseligkeit unterrichten mußte. Sie sollte beten, lesen, schreiben, nähen, sticken, psalliren und die Arbeiten des Tempels verrichten lernen."
Hier hätten wir nun den Nachweis, dass Maria lesen und schreiben konnte und eine solide Ausbildung erhielt, wenn dies nur in der Bibel stünde und nicht in einer Gofine!

Maria der Verkündigung
Abbildung 4:
Maria der Verkündigung, 1473
Antonello da Messina
Öl auf Holz, 43 × 32 cm

Alte Pinakothek, München

Die historische Maria

Sehen wir einmal von der biblischen Geschichte der Maria ab, sehen wir in ihr die Frau eines Zimmermanns in der vermutlich durchaus ländlichen Stadt Nazareth, in Maria eine durch und durch gläubige Jüdin mit Namen Miriam, was so viel wie Myrrhe bedeutet (Anm.11). Sie kennt und hält sich an die Regeln ihres jüdischen Glaubens, ist demütig wie eine Magd ihrem Gott gegenüber. Sie nimmt auf sich und hin, was er ihr auferlegt. Es wird vermutet, daß Maria aus priesterlichem Geschlecht stammt, da ihre Verwandte Elisabeth mit dem Priester Zacharias verheiratet ist (Anm.12). Auch wird ihr Schwager Zebedee, Mann ihrer Schwester, und deren Söhne James und Johannes, in priesterlicher Konnotation gesehen. So könnte eine mögliche Nähe zur Tempelgeschichte (Anm. 13) und Erziehung durch Tempeljungfrauen (Anm.14) und eine vertiefte Kenntnis des Alten Testaments angenommen werden. Auch kann die Abstammung Marias von König David (wie auch die ihres Mannes Joseph) angeführt werden. Nicht zuletzt erscheint Maria in der Erzählung der Evangelisten keineswegs als ungebildet, da sie sich insbesondere im Lobgesang (Magnificat) als wissend und kenntnisreich ausweist.
Die schriftliche Quellenlage ist offenbar für jene ferne Zeit desolat und so wissen wir wenig über die allgemeine Erziehung jüdischer Mädchen in alttestamentlicher Zeit. Es steht zu vermuten, daß sie gering war im Vergleich zu der für Jungen. Natürlich wird es Ausnahmen gegeben haben, indem die Töchter möglicherweise von ihren Vätern oder Brüdern unterwiesen wurden, oder in gesellschaftlich gehobenen Schichten zusammen mit ihren Brüdern am Privatunterricht teilnehmen durften. Aber es ist nicht anzunehmen, daß Mädchen in jener Zeit in Jerusalem außer Haus unterrichtet wurden, wie es bei Jungen der Fall gewesen sein mag (Anm.15).
Natürlicherweise war die Mutter eines Mädchens ihre erste Erzieherin wie auch ihr Vorbild (Hesekiel,16,44 "Du bist Deiner Mutter Tochter"). Zwar verfügten Frauen aus gehobener Schicht über Eigentum und siegelten mit ihrem eigenen Siegel, woraus geschlossen wird, dass sie des Schreibens mächtig waren, doch expressis verbis steht es nirgends (Anm.16). Am ehesten könnte die historische Person der Maria tatsächlich eine Unterweisung durch Familienmitglieder aus der durch größere Bildung hervorgehobenen Schicht der Priester erhalten haben. Doch wie ausgeführt, läßt sich kein Nachweis in der Bibel finden, daß Maria lesen konnte. Schade! Dies gilt auch für ihre Mutter Anna, die ja in der Bibel selbst nicht vorkommt, aber ebenfalls lesend und unterrichtend dargestellt wird.

Darstellungen der Maria

Lassen wir Vermutungen und Interpretationen aus Bibel - und anderen - Texten über die Bildung Marias hinter uns und kommen wir nun zur Tatsache: Maria ist eine der meist, wenn nicht die meist gemalte Frau der christlichen Welt. Auch hier wird sie in verschiedenen Rollen und Situationen dargestellt.

Verkündigung an Maria
Abbildung 5:
Verkündigung an Maria, 16. Jh.
Lucas van Leyden
Öl auf Holz, 42 × 29 cm

Alte Pinakothek, München

Verkündigung an Maria

Darunter befindet sich das Thema der Verkündigung an Maria in vermutlich viel tausendfacher Ausführung. Allein in der bisherigen Sammlung von ReadingWoman sind zahlreiche Werke aufgeführt, wobei nur die Darstellungen aufgenommen wurden, die Maria mit einem Buch zeigen. Diese Liste wird sich erweitern und vergrößern mit Fortschreiten der Untersuchung. Dennoch liegt inzwischen genügend Bildmaterial vor, um sich damit näher zu beschäftigen.

Vor allem stellt sich hier die Frage, was die Künstler dazu bewog, Maria in der Heiligen Schrift lesend darzustellen, als der Erzengel Gabriel zur Verkündigung an sie herantritt. Generell dienten die Bildwerke zur Visualisierung und Erklärung der biblischen Geschichte für die meist des Lesens unkundigen Gläubigen. Das war von der Kirche auch lange so gewollt, in Kauf nehmend , daß die Betrachter für bare Münze nahmen, was sie in bunten Farben dargestellt sahen.
Offenbar schritt die Kirche nicht dagegen ein, daß Maria in der Bibel lesend dargestellt wurde, gerade auch in dem allerwichtigsten Augenblick, in dem der Heilige Geist über sie kommt und die Kraft des Höchsten sie überschattet, und sie Jesus empfängt. Es darf als sicher angenommen werden, daß diese Haltung der Kirche nicht zufällig war, wohl wissend, daß vom Marias Lesetätigkeit nichts in der Bibel zu finden ist, wie oben ausgeführt.

Warum? Aus der Bibel geht hervor, daß Maria eine tief gläubige Jüdin war, die das Alte Testament genau kannte, wie der Bezug ihrer Worte auf dieses schließen läßt (Anm. 17). Woher sie diese Kenntnis hatte, ist für uns heute nicht zu klären, ob durch mündliche Unterweisung oder eben auch möglicherweise aus der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift selbst. Sich vorzustellen, daß Maria gerade in dem heiligsten und bedeutendsten Moment ihres Lebens in die Heiligen Schrift vertieft war, ist denkbar einfach. Die Heilige Schrift in Händen als Symbol ihres Glaubens und ihrer Frömmigkeit würde ihre unmittelbare Verbindung zu Gott bezeugen. Dies mußte der Katholischen Kirche zur Unterstützung der Volksfrömmigkeit entgegenkommen, die sie mit allen Mitteln der bildenden Kunst zu steigern vermochte. Alles, was zur Erhöhung des Ansehens Marias dienen konnte, wurde offenbar ungeachtet der biblischen Aussage wahrgenommen.

Bildvorstellung des Künstlers

Natürlich war die Exegese der Bibel nicht Sache des Künstlers und so muß man sich fragen, woher er seine Bildvorstellung nahm. Hatte er visuelle Vorbilder, so war das keine Frage, daß er sie verändert in seine eigene Darstellungsweise übernahm. Natürlich war das Buch nicht nur Synonym für die Heilige Schrift (die ja damals eine Schriftrolle war, aber sehr selten so dargestellt wurde), sondern galt auch als Metapher für Weisheit, Gelehrsamkeit, Klugheit, ect., Eigenschaften, die man Maria gern zuschrieb (Vgl.Anm.1). Der Maler hatte mit diesem Symbol ein sinnfälliges Bildmittel, so wie er den heiligen Geist durch die Taube als Sinnbild visualisieren konnte.
So haben wir sowohl die Perspektive der Christlichen Kirche (Anm.16), für die die Darstellung einer lesenden, d.h. gebildeten Maria erwünscht schien, als auch die Perspektive des in der Tradition stehenden Künstlers, der aus seinem Glauben heraus das Thema gestaltete.

Taubenmadonna
Abbildung 6:
Taubenmadonna, 1485-1500
Piero di Cosimo
Öl auf Holz, 87 × 58 cm

Louvre, Paris

Die gläubige Rezipientin

Aber da gibt es noch einen weiteren Gedankengang und eine ganz andere Perspektive, nämlich die der Rezipientin. Wie muß ich mir die Wirkung solcher Gemälde und Skulpturen auf die gläubige Frau vorstellen? Der Blick der Kirchgängerin fällt nolens volens auf diese Kunstwerke, die ihr die weibliche Lese-und Schreibfähigkeit, ja die Fähigkeit zum Unterrichten, verdeutlichen. Über Jahrhunderte hinweg wurden solche Bildwerke von Frauen gesehen; mußten diese Darstellungen nicht als Aufforderung an die Frauen verstanden werden, selber die Heilige Schrift in die Hand nehmen zu können, um sie mit eigenen Augen zu lesen? Lag nicht in diesen Darstellungen der heiligen Maria auch die Anweisung, es ihr gleich zu tun und in der Bibel selbst zu lesen? Auch wie die heilige Anna als Mutter ihre kleine Tochter Maria das Lesen lehrt, lag darin nicht auch die Aufforderung an die Mütter, ihre Kinder zu unterrichten? Waren nicht für die gläubige Christin besonders diese Frauen neben anderen weiblichen Heiligen geradezu mit Vorbildcharakter ausgestattet?
Natürlich konnte in den vergangenen Jahrhunderten im Abendland die Bildung der Frau nur in Richtung einer christlichen Erziehung gedacht werden (wie es in den Klöstern ja auch gehandhabt wurde). Was aber wäre daraus geworden, wenn die Frauen Maria zu ihrem Leitbild nicht nur im Glauben sondern auch für ihre Erziehung und Ausbildung genommen hätten?
Ich weiß es nicht, aber noch heute erntet man auf diese Frage Verblüffung. Maria als Leitbild einer gebildeten und damit unweigerlich emanzipierten Frau, ist das denkbar? Demut und Gehorsam schuldete Maria in ihrer tiefen Frömmigkeit ihrem Gott. Doch das mußte nicht, wie es die Bildwerke offensichtlich zeigen, im Gegensatz zu ihrer Bildung stehen.
Warum eiferten die Frauen dann nicht Maria nach? War sie in ihrer Heiligkeit so weit von ihnen entrückt? Wurde die Marienverehrung und der Marienkult zum Hindernis ? Die Laurentanische Litanei zeigt uns ganz deutlich, daß Maria auf ihre Mutterrolle als Gottesgebärerin reduziert wurde. Die in den Evangelien berichteten eigenständigen Handlungen und Aussagen Marias fallen unter den Tisch. Selbstständigkeit und Spontanität wie in der Szene von der Hochzeit in Cana waren nicht (auch nicht von ihrem Sohn Jesus) erwünscht. Überhaupt lassen manche Reaktionen Jesu auf seine Mutter auf wenig Respekt schließen.

Doch betrachten wir die Kunstwerke selbst.

Maria als Lehrende

Die Maler und Bildhauer haben Jahrhunderte lang Maria nicht nur als Lesende, sondern auch als Unterrichtende dargestellt, wie sie nämlich dem kleinen Jesusknaben das Lesen und Schreiben beibringt. Dies geschieht auch noch heute (Anm.18).

Anna unterrichtet Maria

Auch Anna, die Mutter Marias, wurde von den Künstlern gern als Lehrende auf Bildern und in Skulpturen dargestellt. Es erübrigt sich, daran zu erinnern, daß für diese Tätigkeit Annas nicht die geringste biblische Quelle zu finden ist. Noch heute werden zahlreiche Andachtsbildchen in vielfältigster und süßlichster Form mit diesem Sujet als Holy Cards ins internet gestellt ( Anm. 18).

Hl. Anna Selbdritt
Abbildung 7:
Hl. Anna Selbdritt, 1518
Hans Springinklee
Holzschnitt, 244 × 181 cm

Staatliche Graphische Sammlung, München

Anna Selbtritt

Wenn man so will, so hatte das Unterrichten schon Tradition in der heiligen Familie, denn Anna, Mutter Marias, auch ungeachtet, daß weder von ihr selbst noch etwa natürlich von ihrer Bildung in der Bibel ein Hinweis zu lesen ist, wurde von den Künstlern immer wieder wie beschrieben als Lehrende ihrer kleinen Tochter Maria und des Jesusknaben in vielfältigster Form gestaltet.
Seit dem 12. Jahrhundert entstanden ausgedehnte Anna-Zyklen in der abendländischen Kunst. Für die heilsgeschichtliche Rolle Annas, für die in den Apokryphen eine königlich-davidsche Abstammung angenommen wird, und die dort beschriebene unbefleckte Empfängnis von Maria, die deren Auserwählung von Beginn an betont, fand die Kunst eine Formel im Andachtsbild Anna Selbdritt. Hierbei nimmt die mütterliche Figur der Anna oft den Zentralplatz zwischen der maßstäblich kleineren Maria und dem Jesuskind ein. Die Würde ihrer Stellung betont die in der Hochkunst wie in der Volkskunst (Andachtsgraphik, Hinterglasmalerei) beliebte Szene der Unterweisung der zukünftigen Gottesmutter durch Anna (Anm.13).

Zum Schluß möchte ich für die intensiven Gespräche zum Thema danken:
und allen anderen, die mir wertvolle Hinweise gaben.

Anmerkungen

Anm.1
Heilige Maria, bitte für uns (Sancta Maria, ora pro nobis),
Heilige Gottesgebärerin (Sancta Dei Genitrix),
Heilige Jungfrau (aller)der Jungfrauen (Sancta Virgo virginum),
Mutter Christi (Mater Christi),
Mutter der göttlichen Gnade (Mater divinae gratiae),
Du (aller)reinste Mutter (Mater purissima),
Du (aller)keuscheste Mutter (Mater castissima),
Du unversehrte Mutter (Mater inviolata),
Du unbefleckte Mutter (Mater intemerata),
Du liebenswürdige Mutter (Mater amabili),
Du wunderbare Mutter (Mater admirabilis),
Du Mutter des guten Rates (Mater boni consilii),
Du Mutter des Schöpfers (Mater creatoris),
Du Mutter des Erlösers (Mater Salvatoris),
Du weiseste Jungfrau (Virgo prudentissima),
Du ehrwürdige Jungfrau (Virgo veneranda),
Du lobwürdige Jungfrau (Virgo praedicanda)
Du mächtige Jungfrau (Virgo potens),
Du gütige Jungfrau (Virgo clemens),
Du getreue Jungfrau (Virgo fidelis),
Du Spiegel der Gerechtigkeit (Speculum justitiae),
Du Sitz der Weisheit (Sedes sapientiae),
Du Ursache unserer (Fröhlichkeit) Freude (Causa nostrae laetitiae),
Du geistliches Gefäß (Vas spirituale),
Du ehrwürdiges Gefäß (Vas honorabile),
Du vortreffliches Gefäß der Andacht (Vas insigne devotionis),
Du (geistliche) geheimnisvolle Rose (Rosa mystica),
Du Turm Davids (Turris Davidica),

Du elfenbeinerner Turm (Turris eburnea),
Du goldenes Haus (Domus aurea),
Du Arche des Bundes (Foederis arca),
Du Pforte des Himmels (Janua caeli),
Du Morgenstern (Stella matutina),
Du Heil der Kranken (Salus infirmorum),
Du Zuflucht der Sünder (Refugium peccatorum),
Du Trösterin der Betrübten (Consolatrix afflictorum),
Du Hilfe der Christen (Auxilium christianorum),
Du Königin der Engel (Regina Angelorum),
Du Königin der Patriarchen (Regina Patriarcharum),
Du Königin der Propheten (Regina Prophetarum),
Du Königin der Apostel (Regina Apostolorum),
Du Königin der Martyrer (Regina Martyrum),
Du Königin der Bekenner (Regina Confessorum),
Du Königin der Jungfrauen (Regina Virginum),
Du Königin aller Heiligen (Regina Sanctorum omnium),
Du Königin, ohne Makel der Erbsünde empfangen (Regina, sine labe originali concepta),
Du Königin des (hoch)heiligen Rosenkranzes (Regina sacratissimi Rosarii),
Du Königin des Friedens (Regina pacis),
Du schmerzhafte Mutter Gottes (Stabat mater)
Aus: Schott (Messbuch), 1930, S.187 ff

In ( ) aus: M.Mueller, Raphael, Andenken an die erste hl.Kommunion und Führer durchs Leben bis zum Tode, Limburg an der Lahn, 1909, 125ff

J.Schweinsberger, Ehre sei Gott, Taschengebetbüchlein für katholische Christen, Neu-Isenburg, 1904, 260ff
Vgl. auch : P.Laurenz Hecht, Erzbruderschaft des heiligsten und unbefleckten Herzens Mariae zur Bekehrung der Sünder, Einsiedeln, 1844, 292ff : Litanei zum heiligsten Herzen Mariae Heiliges Herz Mariae, bitt für uns Du Herz, das der ewige Vater vor allen Herzen zur Liebe seines eingeborenen Sohnes erkor
Du Haus, das die Weisheit Gottes sich zur Wohnung erbaute
Du feurige, vom heiligen Geist entzündete Lampe, die ewiglich vor dem Throne der heiligen Dreieinigkeit leuchtet
Du verschlossener Garten, worin Jesus, die schönste Blume blühte
Du Herz der neuen Eva, durch die wir die Frucht des Lebens empfingen
Du besiegelte Quelle der göttlichen Geheimnisse
Du Rose der heiligen Dreieinigkeit
Du Stern, der aus Jakob aufstieg, und der Sonne der göttlichen Gerechtigkeit voranging
Du Gefäßder göttlichen Gnaden
Du heiligstes Gefäß, worin das Manna aufbewahrt wurde, das die Pilger in der Wüste dieses Lebens ernährt
Du Tempel Gottes, worin das Licht der heiligen Liebe flammt
Du jungfräuliches Herz, das gleich der Lilie blüht
Du Paradies des göttlichen Bräutigams
Du Quelle göttlicher Erbarmungen
Du Spiegel der Demuth und der Keuschheit
Du unschuldigste Taube, die uns den Ölzweig des ewigen Friedens brachte
Du heiligstes Herz, das du den Gnaden Gottes mit hoechster Treue entsprachest
Du andächtiges Herz, das du alle Worte Jesu höchst treu bewahrest
Du wunderbares Herz, das du Gott und seinen eingeborenen Sohn feuriger denn alle Engel und Menschen liebtest
Du Herz voll des Mitleidens und der Milde
Du süßes Licht der Gerechten
Du Gegenstand der zartesten Liebe aller Auserwählten
Du Hoffnung reuiger Sünder
Du Trost derjenigen, die im Herrn sterben
Du von göttlicher Liebe verwundetes Herz
Du vom Schwert des tiefsten Schmerzens durchbohrtes Herz
Du von heiliger Sehnsucht entflammtes Herz, das sich durch die Gewalt der göttlichen Liebe vom Körper trennte
Du von himmlischer Liebe glühendes Herz, das du gleich einem feurigen Pfeil zu deinem geliebtesten Sohne im Himmel flogest
Du Bewunderung aller Chöre der Engel
Du süßeste Freude des ganzen himmlischen Hofes
Bitt für uns, o heilige Gottesgebärerin!

Anm.2
Katholischer Katechismus, 1985
Wolfgang Beinert (Hg.), Lexikon der Katholischen Dogmatik, 1991, 354 ff

Anm.3
Luther Bibel von 1545 :Die Bibel, Die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments in der deutschen Übersetzung von D. Martin Luther mit Kupferstichen von Matthaeus Merian, Dreieich 1986 und Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers, Berlin, Frankfurt, Koeln 1889

Anm.4
Matthaeus nennt Maria 3 mal namentlich( 1.16, 1.18, 1.20) und bezeichnet sie 6 mal als Mutter (2.21, 12.46-12.50)

Lukas nennt Maria 7 mal namentlich (1.28, 1.30, 1.34, 1.38, 1.41, 1.46, 1.56) und bezeichnet sie 4 mal als Mutter (1.41, 8.19 - 8.21)
Markus nennt sie 5 mal Mutter (3.31 - 3.35) und Johannes bringt es auf 3 mal Mutter und einmal Weib.

Anm.5
Raymond E.Brown,S.S., Mary, the First Disciple,
http://www.americancatholic.org,May 1997 Issue of St.Anthony Messenger Magazine Online

Anm.6
Elizabeth Johnson,C.S.J., In Search of the Real Mary http://www.americancatholic.org, 2001

Anm.7
Lukas,1.29 "Da sie aber jn sahe, erschrak sie uber seine rede, und gedachte, welch ein grus ist das?"

Anm.8
Lukas,1.28 "Gegruesset seist du holdselige, der Herr ist mit dir, du Gebenedeiete unter den Weibern" und 1.30 "Fürchte dich nicht Maria. Du hast gnade bey Gott funden".
Lukas,1.38 "Maria aber sprach. Siehe. Ich bin des HERRN magd, mir geschehe wie du gesagt hast."

Anm.9
Protevangelium des Jakobus, Vgl auch http://wesley.nnu.edu/noncanon/gospels.htm

Anm.10
Gofine, ein katholisches Erbauungsbuch, P.M.v.Cochem, Leben Jesu, Ende 19./Anfang 20. Jh, 154 ff

Anm.11
Myrrhe ist ein aromatischer Harz und wurde von den drei Königen aus dem Morgenland dem neugeborenen Jesusknaben dargebracht.

Anm.12
Lexikon für Theologie und Kirche, Bd.1, Herder-Verlag, 1993 , 689 ff

Anm.13
Freundlichen Dank schulde ich Gesa S. Ederberg, Rabbinerin, Berlin, für die Feststellung: daß es eine "Einführung in den Tempel" nicht als Zeremonie gebe.

Anm.14
Ökumenisches Heiligenlexikon: Maria - Fest Mariae Tempelgang, http://www.heiligenlexikon.de

Anm.15
Meinen freundlichen Dank in dieser Frage schulde ich Frau Professor Judith R. Baskin von der University of Oregon mit den Literaturhinweisen
auf:
Ross Shepard Kraemer, Her Share of the Blessings, und in ,Jewish Women in Historical Perspective,1998, 2.Auflage, hrsg v. Judith R.Baskin

Anm.16
Meinen freundlichen Dank schulde ich Leah Schlechter, www.jtsa.edu unter Hinweis auf www.jewishencyclopedia.com .

Anm.17
Wie ist die Darstellung der Maria im Judentum ?
Im Islam?

Anm.18
http://www.catholic-forum.com/saints





Leserbriefe:

Annunciation iconography
Gordon B. Chamberlain aus Redwood City, Calif., U.S.A. schrieb am 27. Juli 2007: Somewhere I have seen an Annunciation--Flemish, I think, the style with very clear sharp detail--in which not only has the Virgin just stopped reading to listen to the angel, but the text she has reached can be identified by a viewer who looks very close. It is, of course, the prophecy in Isaiah that a virgin shall bear a child and call his name Emmanuel. Perhaps you have facilities for tracking this painting down.

You might also mention, just for the fun of it, the tendency of young iconographical Mary to use her finger to hold her place in the Book--not as sinful as leaving it open upside-down, but not good for the binding either.


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